KIRCHE DER STILLE - Weg in die Stille für Kinder
Erfahrungen mit einem Weiterbildungsprojekt

von dem Projekt "Wege
in die Stille für Kínder
und Jugendliche"
erzählen lassen
„Jetzt seid mal endlich still!“ Dieser verzweifelt-hilflose Satz fällt vielen als Erstes zum Thema „Kinder und Stille“ ein. Ein von der Körber-Stiftung gefördertes und von der AWU GmbH (Brüder Torn) finanziertes Projekt„Wege in die Stille für Kinder und Jugendliche“ will jedoch nicht Lärm stoppen, sondern vermittelt, wie Kinder und Jugendliche innere Ruhe, Entspannung und Stärkung erleben können.
Vier Menschen berichten von dem Projekt, das seit Juni 2009 in der Kirche der Stille angeboten wird, und von ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Angelika Hüffell (A.H.), Spiel- und Religionspädagogin, leitet Weiterbildungs-Workshops „Wege in die Stille“ für Erzieher, Erzieherinnen und Lehrkräfte. |
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| Ulrich Panzer (U.P.), Pastor, Radiojournalist und Religionslehrer, bietet unter dem Titel „Nacht der Stille“ Meditations-Einführungen für Schulklassen an. | ![]() |
| Wilma Wojtzik (W.W.) leitet seit Januar 2010 die Kita Friedenskirche und berichtet von Stille- und Wahrnehmungsübungen im Kita-Alltag. | ![]() |
| Rainer Zimpel (R.Z.), Musiker und Stillepädagoge, erzählt von seinen Erfahrungen mit der Arbeit mit kleinen Kindern. | ![]() |
Das Stilleprojekt wendet sich zunächst an Erziehende.
Warum?
A.H.: Erzieherinnen haben das Bedürfnis, die Kinder ruhig zu bekommen. Nicht als Disziplinierung, sondern damit sie Vergnügen an der Stille empfinden können. Der Geräuschpegel insgesamt nimmt zu, sagen Erzieherinnen mit viel Berufserfahrung.
R.Z.: Ziel meiner Arbeit ist, dass die Erzieherinnen selbst erfahren, wie gut es tut, einfach still da zu sitzen und auf den Atem zu spüren. Wenn sie selbst das immer wieder erfahren, sind sie auch in der Lage, diese Stille an Kinder weiterzugeben.
Wie geht es kleinen Kindern mit Lärm und Stille?
W.W.: Unsere Kinder sind überfrachtet mit Eindrücken. Da tut es ihnen gut, auf den eigenen Rhythmus zu hören, alle ihre Sinne – einzeln und zusammen – wahrzunehmen. In sich hineinzulauschen. Den Herzschlag zu spüren. Hände zu fühlen.
Welche Übungen sind gut für Kinder?
W.W.: Es gibt eine Übung, die das Körperbewusstsein stärkt: da liegen die Kinder als Samenkorn auf der Erde, beginnen langsam zu wachsen, recken und strecken sich der Sonne entgegen, entfalten ihre Blätter und Blüten und werden zu großen Blumen. Ich leite diese Übung mit leiser Stimme an. Die Kinder hören intensiv zu, fühlen das Wachsen, auch kurze Pausen, freuen sich, groß und schön zu werden.
R.Z.: Ich versuche, Kinder dazu zu bringen, sich auf nur eine Sinneserfahrung zu konzentrieren, zum Beispiel die Erfahrung, bewusst auf beiden Beinen zu stehen, mit geschlossenen Augen in die Füße zu spüren: Ich stelle mir vor, meine Füße schlagen Wurzeln bis tief in die Erde. Das vermittelt Kindern ein Gefühl von Sicherheit: Ich stehe fest im Leben und bin getragen.
A.H.: Ich gehe viel über die sinnliche Wahrnehmung. Dabei ist immer ein Sinn ausgeschlossen – sie sehen nicht, sondern konzentrieren sich ausschließlich auf das Tasten.
W.W.: Es ist toll zu sehen, wie es ist, wenn Kinder mit geschlossenen Augen etwas fühlen. Zum Beispiel haben sie sich einen Stein ausgesucht, angesehen und befühlt, und sollen ihn dann mit geschlossenen Augen unter anderen Steinen herausfinden.
A.H.: Oder jedes Kind bekommt ein Instrument, aber nur ein Kind kommt dran und macht einen Ton. Alle andern verfolgen den Klang so lange, bis man ihn nicht mehr hört. Und atmen danach noch dreimal durch. Ich führe sie an das Lauschen heran. Oder: Schaffen wir es, so leise zu sein, dass wir hören, wie eine Stecknadel auf den Boden fällt? Die Aufgaben müssen Witz haben, dann wollen sie lauschen. Es ist spannend, wer hört es zuerst?
R.Z.: Tierimitationen sind ein gutes weiteres Thema: Löwen brüllen, Schlangen schleichen; so nehmen die Kinder den Unterschied von laut und leise wahr, dieAbwechslung von ruhig und bewegt.
Wo gibt es Stille im Kita-Alltag?
W.W.: Wir haben einen Ruheraum, da gibt es einen Teppich, helle Wände, keine Bilder, kein Spielzeug, nur Kissen und Decken. Da sind die Kinder gerne. In meinem Büro habe ich auch eine kleine Spiele-Ecke für Kinder, die in Ruhe spielen wollen. Das ist etwas Besonderes, eine Ausnahme. Es gibt ein paar Neuerungen in der Kita. Zum Beispiel wird das Mittagessen eingeläutet, es gibt ein Tischgebet und die Regel „Essenszeit ist Ruhezeit“, die Kinder sitzen beim Essen und laufen nicht herum – was sie tatsächlich früher manchmal gemacht haben!
Welche Erfahrungen gibt es mit Jugendlichen?
U.P.: Viele Kinder und Jugendliche haben heutzutage keine eigene Erfahrung mit Religion. Meditation und Stille ist für die meisten erst mal fremd. Aber ich erlebe eine große Offenheit und Neugier. Der Ort, die Kirche der Stille, hat eine ganz eigene Wirkung auf sie. Und auch die Zeit, abends von 22 bis 24 Uhr. Die „Nacht der Stille“ fängt ganz elementar an: sich bewegen – stillstehen und den Unterschied spüren. Dann eine Entspannungsübung und eine Phantasiereise. Schließlich eine Einführung in die Atemmeditation mit praktischen Übungen. Ganz spannend: Was passiert, wenn ich mich nur auf meinen Atem konzentriere und an nichts denke? Als ich neulich mit einer eigenen 13. Klasse da war, sagte ein Mädchen, das sonst eher nichts mit Religion anfangen kann, in der Schlussrunde: „Ich könnte noch die ganze Nacht hier in der Kirche sitzen bleiben!“ Das war für mich eine Sternstunde.
Was brauchen die Jugendlichen?
U.P.: Ich glaube, viele Jugendliche haben eine Sehnsucht nach Tiefe und religiöser Erfahrung, auch wenn sie das selbst vielleicht nicht so ausdrücken würden. Es ist eine Sehnsucht, die keinen Namen hat. Das, was Jugendliche besonders berührt, ist die Erfahrung, einfach da sein zu dürfen: Du musst nichts machen und nichts leisten, du musst dir keine guten Noten verdienen, du darfst ganz hier sein, in diesem Augenblick und er ist kostbar! Als Theologe finde ich spannend, dass das im Grunde das ist, worum es in Luthers Rechtfertigungslehre geht: Gott liebt dich so wie du bist, du musst dir dein Heil nicht verdienen oder erkaufen. Du darfst du selbst sein und du bist angenommen.
In der Kirche |
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Das Weiterbildungsprojekt ist nicht konfessionell oder religiös geprägt?
U.P.: Eine religiöse Prägung im weiteren Sinne hat es schon, aber nicht so etwas Indoktrinierendes oder Überstülpendes, das stimmt. Der religionsverbindende Aspekt steht im Vordergrund. Auch Muslime können an der Meditationseinführung in der Kirche der Stille uneingeschränkt teilnehmen, es gibt keine spezifisch christlichen Elemente, die sie einengen könnten. Und wenn ein Schüler im Anschluss sagt: „Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich habe eine Ahnung von der Tiefe in meinem Leben bekommen“, ist das großartig!
Auswahl und Bearbeitung: Monika Rulfs und Pastorin Irmgard Nauck, die zusammen mit Fachkräften das Konzept für die Kirche der Stille entwickelt hat
Quelle: Gemeindejournal der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Altona-Ost





